Früher faul – heute inkompetent

In der „Kompetenzgesellschaft“ wird nicht mehr gestritten, sondern beraten. Anpassung wird als „lebenslanges Lernen“ verkauft. Willkommen in der schönen neuen Welt lösbarer Probleme und Aufgaben! Quelle: Beitrag Andreas Gelhart unter dem Titel „Neue Psychotechnik“ in Geschichte der Gegenwart“

Die Entwicklung der Leistungsgesellschaft hin zur Kompetenzgesellschaft, wo lebenslanges Lernen und permanente Entwicklung von „Kompetenzen“ angesagt ist, sollte nicht ungefragt hingenommen werden. Die Leistungsgesellschaft machte aus dem Menschen das „Arbeitstier“, das an seiner Leistungsfähigkeit gemessen wurde. Nicht leistungsfähig zu sein bedeutete den Verlust der Arbeit. Die Fleissigen bringen es zu „etwas“. Wer es nicht zu „etwas“ bringt, ist offensichtlich zu wenig fleissig. Oder positiv ausgedrückt: zu faul. Neu hinzugekommen ist nun das Element der „Kompetenz“, das bereits in die Schulen Einzug gehalten hat. Der Erwerb von Kompetenz hört jedoch niemals auf. Wer etwas nicht weiss, nicht versteht oder nicht kann, dem mangelt es an Kompetenz. Keine Sorge, diese Kompetenz kann erworben werden. Entstanden ist eine Industrie der Bildung und Beratung, welche dafür sorgt, dass der Kompetenzerwerb gewährleistet ist. Fragwürdig an der ganzen Entwicklung ist, inwieweit gesellschaftliche Realität noch als interessenbestimmt wahrgenommen wird. Unter der Überschrift des lebenslangen Lernens und des permanenten Kompetenzerwerbes wird der Mensch zu einem Mangelwesen, das offen ist für Manipulation.

Das gesellschaftliche System, das die Kompetenzen (er)fordert wird zum Übersystem, dem man folgen muss. Genau so, wie früher die weitaus meisten nicht faul sein wollten, will heute kaum jemand als inkompetent etikettiert werden. Dass unter dem Begriff Kompetenz Abgründe lauern, die bei sich abzeichnender Inkompetenz brutal zuschlagen, liegt in der Verbindung des Wortes mit Lernfähigkeit, Intelligenz. Wenn früher einer faul war, war er/sie nicht einfach dumm – vielleicht war sogar das Gegenteil der Fall. Wenn es heute jemandem an Kompetenz mangelt, dann geht das rasch in Richtung Intelligenz. Leute, die inkompetent handeln, werden nicht als Infragesteller des Systems gesehen. Sie sind offensichtlich nicht fähig, auf die gegebenen Herausforderungen die adäquaten Handlungsschritte (oder -strategien) zu entwickeln. Sie können kein Verständnis für die Gegebenheiten schaffen und sind offensichtlich überfordert.

Was heute aus diesem Grund immer wichtiger wird, ist die kritische Frage, woher die Gegebenheiten, für welche wir Kompetenzen entwickeln müssen, eigentlich stammen. Wer oder was macht diese Anforderungen, denen wir mit lebenslangem Lernen genügen müssen? Ist es „das Leben“ an sich? Ist es die Gesellschaft? Wer in dieser Gesellschaft macht das? Wer profitiert davon, wenn wir permanent an den geforderten Kompetenzen arbeiten? Und welche Auswirkungen hat dieses lebenslange Lernen auf unseren Lebensvollzug? Welche „Werte“ werden für welche Interessen verwirklicht? Brachte die Leistungsgesellschaft bereits einen Schub an Funktionalisierung des Menschen im gesellschaftlichen System mit sich, so wird diese in der Wissensgesellschaft noch um einiges zunehmen. Die überaus vielfältigen individuellen Entwicklungsmöglichkeiten des Kompetenzerwerbes könnten sich mehr und mehr als Sackgassen des persönlichen Lebensvollzuges herausstellen. Die Ent-täuschung daraus sollte nicht unterschätzt werden. Mein marktwärts-gedanke muss sich hier kritisch hinterfragen lassen, ob er ebenfalls nur fit für gesellschaftliche Anforderungen machen will, oder ob sich darin mehr Lebensqualität befindet als die Erhöhung der Funktionalität in den gegebenen Lebensumständen.

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